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MÜNCHEN: *Abendzeitung*: Portrait von Charis Berger
In der Wochenend-Ausgabe am 21. März 2009 veröffentlichte die Münchner "Abendzeitung" eine Foto-Story über die Verwandlung des Siegfried-haften Schauspieler-Reckens Rob Fowler in díe diesmal blonde Bühnen-Gestalt des Frank 'n Furter ( Umrahmt wurde die Foto-Reportage von einem Reality-Interview mit Charis Berger, Betreuerin von >www.TGnews.de<, der privaten Tipp- und Internet-Nachrichten-Seite für und über TransGender. Das Portrait, verfaßt von AZ-Redakteurin Natalie Kettinger, ist zu lesen durch den Klick auf

"Es war ein Befreiungsschlag"
Von selbst gebastelten Corsagen, Hormonspritzen und Push-Up-BHs: Wie Chris zu Charis wurde - die Geschichte einer Münchner Transsexuellen
Von Natalie Kettinger

Eines Tages war es so weit, da wollten es die Kinder einfach wissen. "Papi, warum sind Deine Brüste grösser als Mamis?", fragten sie. "Also hab' ich ihnen erklärt, dass es in der Natur nicht nur die zwei Schubladen ,Männer' und ,Frauen' gibt, sondern noch manches dazwischen", sagt Charis, die gross gewachsene Münchnerin mit den breiten Schultern. Sie lächelt und nippt an ihrem Cappuccino. Sie trägt ein blaues Band im dunkelblonden Haar, Perlenkette und eine tief ausgeschnittene Bluse. "Seitdem waren meine Brüste kein Thema mehr."

Charis blickt auf ihre Hände. Die mag sie nicht besonders. "Zu männlich", sagt sie und schiebt ein Kinderfoto über den Tisch. Ein etwa vier Jahre alter Bub mit Lockenkopf und Lederhose grinst fröhlich in die Kamera. "Das war ich mal", sagt Charis, "irgendwann in den 1950ern".

Der Bub heisst Chris, seine Eltern betreiben ein Einzelhandelsgeschäft in München, alles ganz normal. Bis Chris mit etwa 15 ein Bericht über die Tennis-Spielerin Renee Richards in die Hände fällt. Die Amerikanerin ist 1976 die erste Transsexuelle, die nach langem juristischen Ringen an den US-Open teilnehmen darf. "Ihre Geschichte hat mich völlig aus dem Gleichgewicht gebracht", erinnert sich Charis.

Wie besessen sammelt Chris jeden Schnipsel, der über Renee veröffentlicht wird. Ihr Schicksal lässt ihn nicht mehr los, fühlt sich seltsam vertraut an. Eines Tages plündert Chris heimlich Mutters Kleiderschrank und posiert in ihren Klamotten vor dem Spiegel. Aus der Bücherei leiht er sich immer wieder dasselbe Buch aus, in dem das Foto einer Südsee-Schönheit mit Brüsten und Penis abgebildet ist. Aus Plastik bastelt sich der Gymnasiast eine Corsage und zwängt sich hinein, um eine Sissi-Taille zu bekommen. Er versteckt alles unter einem Schlabber-T-Shirt und marschiert in die Schule. Dort gibt er den Schläger, das Raubein, den knallharten Eishockey-Spieler. Alles Ablenkungsmanöver. "Da war ja immer diese Angst: Du bist pervers. Das darf niemand merken", erzählt Charis. "Der ist ja schwul - ein schlimmeres Schimpfwort gab es unter Jungs damals doch gar nicht."

Dabei ist Chris gar nicht homosexuell und beliebt bei den Damen noch dazu. Nach dem Wirtschafts- und Psychologie-Studium ist er sogar für kurze Zeit verheiratet und wird Vater eines Sohnes. Doch seine Beziehungen enden immer gleich: Die Frauen fühlen sich nicht genug begehrt und Chris ist es irgendwann leid, ihnen etwas vorzuspielen, seine Sehnsüchte immer verstecken zu müssen. Er will selbst Frau sein - und Frauen lieben dürfen. Zuhause trägt er weibliche Kleidung - bis sich sein kleiner Sohn vor ihm aufbaut, mit dem Fuss stampft und brüllt: "Du bist mein Papa, nicht meine Mama."

Frustriert wendet Chris sich an einen Arzt, der ihn zu "einem ganz normalen Mann" machen soll. Der Schulmediziner spritzt Testosteron. So viel, dass dem noch nicht 30-Jährigen als - einziger Effekt der "Therapie" - die meisten seiner lockigen Haare ausfallen.

Schliesslich verschlägt es Chris beruflich nach Hamburg. Tagsüber arbeitet er in einer "stockkonservativen Wirtschaftsredaktion". Nachts trifft er sich mit den schillerndsten Wesen der Hansestadt und verliebt sich unsterblich in eine Transsexuelle. "Spinnst Du eigentlich", sagt sie zu ihm. "Warum versteckst Du Dich? Wir sind keine Freaks, wir sind etwas Besonderes." Ihre Freundinnen bringen Chris bei, sich richtig zu schminken. Sie gehen mit ihm Shoppen - und aus Chris wird, zumindest in einer begrenzten Öffentlichkeit, die lange versteckte Charis. "Das war der Anfang vom Ende meiner ,männlichen Zeit' - in jeder Hinsicht ein Befreiungsschlag", sagt Charis. "Seitdem bin ich Zwei-in-Einer." Denn sie braucht Chris weiter als tagaktives Alter Ego, das Seminare gibt und PR-Beratungen macht.

Zehn Jahre später, sie ist mittlerweile in ihre bayerische Heimat zurückgekehrt, entschliesst sie sich zu einer erneuten Hormonbehandlung. Diesmal allerdings mit Östrogen. "Ich wollte einen weiblichen Körper, mich aber nicht operieren lassen. Ich fühlte mich bei dieser Gratwanderung, diesem geschlechtlichen Sowohlalsauch, im Grunde recht wohl." Innerhalb weniger Monate wächst Charis' Oberweite auf Körbchengrösse C. Stolz trägt sie Push-Up-BHs, wenn sie mit Freundinnen ausgeht. Ein weites Hemd verbirgt die Verwandlungen vor den Kunden. "Ich habe die Erfahrung gemacht: Wo der Mensch keinen Busen vermutet, sieht er auch keinen", sagt Charis und lacht.

In München gibt sie ein Transgender-Magazin heraus und organisiert Coming-Out-Stammtische. Vor Zivis und Schülern hält sie Vorträge übers Transgender-Leben. Sie ist eine bekannte Grösse in der Szene und als sie ihre Partnerin kennen lernt, scheint das Glück perfekt.

"Sie hatte die Schnauze voll von Männern und ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Das hat gepasst. Endlich konnte ich sein was ich wollte." Nämlich eine Frau, aber anders als im Biologiebuch - Liebhaber und Geliebte in einer Person. Die beiden machen sich einen Spass daraus, mal als Hetero-Paar mal als Lesben-Pärchen auszugehen.

Daheim, in dem winzigen Dorf Richtung südöstlich von München, kennen die Menschen Charis bis heute nur als Chris. Sie verzichtet auf Make-Up, verdeckt ihre Rundungen. "Hauptsache, es red' keiner", sagt Charis und dabei geht es nicht um sie oder die Frau, mit der sie zusammen lebt. Es geht um den Schutz der gemeinsamen Zwillinge (11), hinter deren Rücken nicht getuschelt werden soll. Deshalb besucht Chris den Elternsprechtag, holt die Kinder von der Schule ab und fährt mit ihnen in den Urlaub - in weiten Shirts und Jeans.

In letzter Zeit fällt Chris Charis allerdings zunehmend zur Last. "Da ist was an mir dran", sagt sie und schaut an sich herunter, "das ist für nix mehr gut. Aber auf dem Damen-WC oder in der Sauna sorgt es dann doch für Zicken-Alarm". Sie fixiert nachdenklich ihre Tasse. "Und das Theater am Flughafen! Durch welche Schleuse soll ich denn da gehen? Mein Pass weist mich als Mann aus, aber ich lass' mich doch nicht von einem Kerl abtasten!" Ein Leben lang habe sie ihren Doppelkörper akzeptiert - heute würde sie ein Stück davon gerne los werden. "Aber eine Operation", sagt Charis, "ist inzwischen aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich".

Mit Dank für die Genehmigung !
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